Gerufen zu Lebendigkeit und Engagement
Nach über 30 Jahren Ordensleben erinnere ich mich noch gerne an meine Berufungsgeschichte, die einen längeren Entscheidungsprozess beinhaltete. Seit meiner Geburt habe ich nur einen ganz kleinen Sehrest und bin auf die Blindenschrift angewiesen. So besuchte ich die Blindenschule in Würzburg und kam so mit Ordensfrauen in Berührung. Vor allem als Jugendliche gab es so manche Auseinandersetzung mit ihnen und zugleich auch viel Sympathie.
Während meiner Ausbildungszeit in der Blindenschule kam mir hin und wieder die Idee, dass das Klosterleben auch etwas für mich sein könnte. Als ich dann erfuhr, diese Ordensgemeinschaft würde mich wegen meiner starken Sehbehinderung nicht aufnehmen, war ich enttäuscht und hatte auch erst mal die Nase vom Ordensleben voll.
In der Zwischenzeit lernte ich den Beruf der Gemeindereferentin kennen und erfuhr, dass bereits eine blinde Frau diese Ausbildung gemacht hat. Ich setzte alles daran, diesen Beruf ergreifen zu können. Ich erinnere mich heute noch gern an die Studienzeit in Mainz, bei der mich meine MitstudentInnen durch Vorlesen und auf Tonband lesen sehr unterstützt haben.
Die Idee, ins Kloster zu gehen, hatte ich am Anfang gut verdrängt und mein Studentenleben in Mainz genossen. Und dennoch drängte sich am Ende meiner Studienzeit der Gedanke, vielleicht doch zum Ordensleben berufen zu sein, immer wieder auf. Ich hatte die Sehnsucht, mit Gleichgesinnten zu leben und mit ihnen meine Glaubenserfahrungen zu teilen.
Als ich das meiner Mitstudentin in einem Nachtgespräch offenbarte, konnte sie das überhaupt nicht nachvollziehen. Sie war fest davon überzeugt, dass dieser Weg nicht zu mir passt. Während meiner Studienzeit hatte sich die Blindenschule in Würzburg aufgelöst und so gab es für mich keine Einsatzmöglichkeit in der Diözese. Von den Verantwortlichen konnte sich niemand vorstellen, dass ich als blinde Gemeindereferentin in einer Pfarrgemeinde tätig sein könnte. So hat die Diözese Mainz in Zusammenarbeit mit Limburg es mir ermöglicht, mein Anerkennungsjahr in einer Pfarrgemeinde zu beginnen.
Diese Zeit war für mich eine große Herausforderung und es taten sich mir viele Lernfelder auf. Ich lernte mit den vielen Möglichkeiten und mit meinen Grenzen umzugehen. Wir merkten im Seelsorgeteam, dass ein Einsatz in einer Pfarrgemeinde auch für mich unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Ich durfte erfahren, dass Gott sich meiner Grenze bedient, und sie für andere zum Segen werden lässt.
Die Ahnung, dass ich zum Ordensleben berufen sein könnte, ließ mich nicht los. So fühlte ich mich immer mehr gedrängt, mich mit diesem Weg auseinander zu setzen. Ich nahm Kontakt mit einer Studienkollegin auf, von der ich wusste, dass sie bei den Ritaschwestern in Würzburg eintreten will. Ich wollte mich bei ihr ein wenig über Ordensleben informieren. Zu den Ritaschwestern wollte ich damals auf keinen Fall. Ich hatte die Vorstellung, dass ich in dieser Gemeinschaft eine Heiligenverehrung vollziehen müsste, die mir nicht entspricht. Die Vorstellung kam aus der Erfahrung, die ich als Kind gemacht hatte: Meine Pflegemutter fuhr mit mir am Ritafest nach Würzburg und die langen Gottesdienste waren für mich schrecklich. Dieses unangenehme Gefühl übertrug ich auf die Ritaschwestern. Als ich im Sommer 1975 mit dieser Studienkollegin einen Besuch bei den Ritaschwestern in Würzburg machte, waren meine Erfahrungen ganz anders. Am Anfang des Abends war alles etwas fremd und im Laufe des Abends wurde mir immer klarer, hier ist dein Platz. Auf der Rückfahrt sprach ich mit meiner Studienkollegin über die Erfahrungen des Abends. Sie machte mir Mut, an die Ordensleitung einen Brief zu schreiben. Das tat ich auch in den nächsten Tagen. Ich war davon überzeugt, dass die Ordensleitung auf keinen Fall ja zu einem Eintritt sagen würde, da ich fast blind bin und noch dazu unbedingt nach dem Noviziat in einer Gemeinde tätig sein wollte. Und doch war ich innerlich hin und her gerissen. Einerseits spürte ich, wo der Weg hingehen soll und andererseits wollte ich nicht. Ich hatte Sorge meine Freiheit und auch meine Beziehungen aufgeben zu müssen. Und noch dazu bahnte sich eine Beziehung an, die für mich auch sehr versprechend war. Ich konnte in dieser Situation nur noch um Klarheit beten. Und die Klarheit kam…Eine Woche, nach dem ich meinen Brief an die damalige Generaloberin geschrieben hatte, bekam ich gegen Abend im Pfarrbüro von ihr einen Anruf und sie teilte mir mit, dass von Seiten der Gemeinschaft meinem Eintritt nichts im Wege stehe. Mein Gefühl, als ich den Hörer auflegte, werde ich nie vergessen. Konkret wusste ich noch überhaupt nicht, wie das alles wird, nur eines wusste ich, mein Weg ist klar. Die Ängste und Sorgen hatten kein Gewicht mehr, ich war in diesem Moment davon überzeugt, dass Gott mich führt. Meine Umwelt war sehr geschockt. Meine Familie, meine Freunde, meine KollegInnen konnten meine Entscheidung nur schwer verstehen. Immer wieder bekam ich gesagt: "Du bist so ein lebensfroher Mensch, wie kannst du einen solchen Weg gehen und dir deine Freiheit nehmen lassen." Ich war mir ziemlich sicher, dass mein Weg zu den Ritaschwestern führt, und dennoch war es mir wichtig, eine Zwischenzeit zu haben. So begann ich, erst ein Jahr später, im Sommer 1976 mein Postulat in Würzburg bei den Ritaschwestern. Nach zwei Jahren Noviziat wurde ich dann auch in einer Pfarrgemeinde eingesetzt. Es gab während meines Ordenslebens viele Höhen und Tiefen, häufiges Suchen und Fragen und auch immer wieder Auseinandersetzungen um den richtigen Weg innerhalb der Gemeinschaft. Dabei war und ist meine wichtigste Erfahrung, dass Gott der Treue bleibt, der seine Verheißungen nie zurücknimmt. Und dass ich letztlich immer die Beschenkte bin, wenn ich mich für die Menschen einsetze, die auf der Schattenseite des Lebens und am Rand unserer Kirche stehen. Ich bin auch heute, nach über 30 Jahren davon überzeugt, dass Ordensleben Zukunft hat. Die Formen und das äußere Erscheinungsbild werden sich vermutlich verändern. Und doch wird unsere Sendung vom Evangelium her nie an Aktualität verlieren. So bleibt die Entscheidung für eine Ordensgemeinschaft auch für die Zukunft ein Geschenk und eine Herausforderung durch unseren Gott! Schwester Nicole Klübenspies OSA, zur Zeit Gemeindereferentin in Lohr
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